|
[Archiv] |
![]() |
Surreale Dinge Skulpturen und Objekte von Dalí bis Man Ray - in der Schirn Kunsthalle FrankfurtZu ihrem 25-jährigen Bestehen stellt die Schirn mit rund 180 Werken von 51 Künstlerinnen und Künstlern ausschließlich die dreidimensionalen Objekte des Surrealismus vor, die noch nie umfassend präsentiert wurden. In der Ausstellung mit internationalen Leihgaben sind dreidimensionale Werke sehr populärer Künstler wie Duchamp, Magritte, Dalí, Picasso und Man Ray aber auch vieler anderer Künstlerinnen und Künstler, deren attraktive und erstaunliche Arbeiten es für ein breites Publikum noch zu entdecken gilt zu sehen. Viele der Exponate aus der surrealistischen Epoche von 1925 bis 1945 wirken aus heutiger Perspektive kaum historisch, sondern im Gegenteil überraschend frisch und zeitgenössisch. Besonders in den fremdartigen und skurrilen Objekten und Skulpturen der Surrealisten manifestiert sich das Zusammenspiel von Gegensätzlichem, die „verrückte“ Wirklichkeit, die auf Unterbewusstes und Traumhaftes verweist. Der gemeinsame Nenner surrealistischer Objekte ist weder ihre Herkunft noch die Arbeitsweise noch das verwendete Material, sondern ihre psychologische Wirkung, die Überraschung, der Schock und die gedankliche Veränderung, die das Werk im Betrachter provozieren sollte. Der Surrealismus beruht auf dem Glauben an die höhere Wirklichkeit gewisser, bis dahin vernachlässigter Assoziationsformen, an die Allmacht des Traumes, an das zweckfreie Spiel des Denkens. Er zielt auf die endgültige Zerstörung aller anderen psychischen Mechanismen und will sich zur Lösung der hauptsächlichen Lebensprobleme an ihre Stelle setzen“, schrieb André Breton 1924 im „Ersten Manifest des Surrealismus“ Beeinflusst durch die Theorien Sigmund Freuds strebten die Surrealisten danach, Vergessenes und Abgedrängtes im Menschen ans Tageslicht zu holen und in Kunst und Leben zu integrieren. Die Ausstellung eröffnet mit einigen Objekten der vorausgegangenen Dada-Bewegung, die die Arbeitsweise der Surrealisten sowohl in Hinsicht auf die Ausstellungspraxis als auch auf die Objekte vorwegnahm. Von beiden Bewegungen wurde intensiv untersucht, was überhaupt ein Kunstobjekt sein kann. Giacometti war der erste Künstler, der seine Arbeiten explizit als Objekte bezeichnete und damit vom Begriff Skulptur Abstand nahm. In den spektakulären Ausstellungen der Surrealisten spielten die Objekte von den 1930er-Jahren bis zu Bretons Tod 1966 immer dann ein große Rolle, wenn es darum ging, die Grenzen zwischen Ausstellungs- und Erlebnisort zu verschieben, den Betrachter im Unklaren zu lassen, ob das Ding, mit dem er räumlich und körperlich konfrontiert wurde, ein Kunstwerk war oder etwas zum Benutzen, Berühren oder Verändern. Herkömmliche Ästhetik wurde negiert und damit ein Prozess in Gang gesetzt, von dem die Kunst heute noch profitiert. Er ist sozusagen zum Grundgerüst für künstlerische Strategien der Gegenwartskunst geworden. Die Ausstellung in der Schirn dokumentiert auch erstmals die Rolle der Objekte in zahlreichen surrealistischen Gruppenausstellungen, so besonders in der berühmten „Exposition Internationa-le du Surréalisme“ im Jahr 1938, für die 16 Künstler jeweils eine Schaufensterpuppe gestaltet hatten. Die von Raoul Ubac und Denise Bellon fotografisch dokumentierten Mannequins zeugen von der Leidenschaft der Surrealisten für die Ikonografie der Puppe und geben die Lust an der Sexualisierung von Körpern durch surrealistische Methoden wie Kombinatorik, Verschleierung und Enthüllung wieder. Dass sich jedoch kein surrealistischer Stil definieren lässt, die Gruppe vielmehr als ein Kreis von Freunden und Gleichgesinnten mit dem theoretischen Kopf Breton bezeichnet werden kann, zeigt sich überdies an der großen Unterschiedlichkeit der Objekte in Material, Herkunft, Bearbeitung und Inhalt. Sie sprechen viele Aspekte des Körperlichen und damit ein Hauptthema des Surrealismus an, das in unterschiedlichsten Zusammenhängen gedeutet wurde: Die Puppen Hans Bellmers dürfen als eines der bekannteren Beispiele für die Fetischisierung des Objekts gelten. Mimi Parents Peitschenobjekt „Maitresse“ aus Frauenhaar und Leder oder Valentine Hugos roter Le-derhandschuh „Objet à fonctionnement symbolique“ (1931) sind Teil der surrealistischen Auseinandersetzung mit den Schriften des Marquis de Sade. Ángel Ferrants Maschinenfrau „Maniquí“ (1946) hingegen verweist auf die Idee des mechanisierten Körpers, wohingegen Dalís „Venus von Milo mit Schubladen“ (1936/1964) der antikisierenden Darstellung verpflichtet ist. Daneben sind schwarzer Humor, Ironie und geistreicher Scherz, der immer mit kulturellen und philosophischen Kontexten spielt, im Surrealismus und besonders in der Objektkunst von großer Bedeu- tung. Viele Objekte entstammen dem Alltag und wurden so lange bearbeitet und umgeformt, bis sich ihre Bedeutung in etwas Fremdes verwandelt hat. In den Objekten finden nicht nur alle Grundprinzipien surrealistischer Theorie wie Entfremdung, Kombinatorik und Metamorphose ihre Anwendung. Die Gegenstände eröffnen darüber hinaus neue Fragestellungen, die bis in die Gegenwartskunst ihren Nachhall finden. Bislang hat die kunsthistorische Forschung den Objekten nie mehr als ein kurzes Kapitel gewidmet, denn der Surrealismus bestand in künstlerischer Hinsicht zum großen Teil aus Prosa, Poesie, Collagen und Gemälden. Damit versteht sich die Ausstellung nicht nur als ein Beitrag zur Surrealismusforschung, sondern auch als eine Erweiterung unseres Blicks auf eines der faszinierendsten Kapitel der klassischen Moderne. Besucher/Innen betreten die Ausstellung per Treppenaufgang mit einer raumfüllenden Installation. Auf Einladung der Schirn hat die Künstlergruppe et al.* ein neues Projekt für die Ausstellung „Surreale Dinge. Skulpturen und Objekte von Dalí bis Man Ray“ entwickelt: „EN PASSANT“. Man taucht in eine fremdartige Welt aus Licht, Sound und Gegenständen ein. Die Arbeit in der Schirn spricht alle Sinne an: Ein goldener Brunnen, eine abgehängte Decke, die sorgfältig inszenierte Dramaturgie des Lichts, ungewöhnliche Geräusche erzeugen Verfremdungseffekte und eine Atmosphäre der gespannten Erwartung auf die historische Ausstellung. Mit rund 40 Skulpturen, unter anderem von zerschundenen Körpern und abgeschlagenen Köpfen, knüpfen et al.* an surrealistische Themen an und fragen nach dem Verhältnis von Vernunft und Herrschaft, von Geldzirkulation und Massaker. Die Arbeit der Künstlergruppe steht in engem Bezug zur inszenierenden Ausstellungspraxis der Surrealisten, mit der diese bewusst die Grenzen zwischen Ausstellungs- und Erlebnisort verschoben und die Betrachtenden im Unklaren darüber ließen, ob das Ding, mit dem sie räumlich und körperlich konfrontiert waren, ein Kunstwerk oder etwas zum Benutzen, Berühren oder Verändern war.
Rund 180 Exponate sind im Katalog bestens abgebildet. So kann man sich mit den außergewöhnlichen Ausstellungsobjekten gut befassen und erhält einen umfassenden Überblick über 50 Künstler (1925 – 1945) der surrealistischen Epoche. Der Katalog enthält auch interessante historische Fotografien von verschollenen oder verlorenen Objekten. In den Texten von Angela Lampe, Ulrich Lehmann, Laurence Madeline und Ingrid Pfeiffer u. a. ist Interessantes zu finden. Der Katalog eignet sich auch hervorragend als Nachschlagewerk.
Öffnungszeiten: Vom 11. Februar 2011 – 29. Mai 2011 Eintrittspreise: € 9, ermäßigt € 7, Familienticket € 18 sowie Kombitickets © Gabriele Becker, Journalistin Weitere Artikel zum Thema:
|
| © 2012, Admin JuNetz FFM |