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Wie im Traum Ausstellung über Odilon Redon in der Schirn Kunsthalle

Obwohl Odilon Redon (1840–1916) als bildender Künstler zu den wichtigen Wegbereitern der Moderne, vor allem des Surrealismus, gehört, ist sein Werk in Deutschland seit Jahrzehnten nicht zu sehen gewesen.

Diese Ausstellung gibt anhand von über 200 Zeichnungen, Lithografien, Pastellen und Gemälden aus internationalen Museen und Privatsammlungen einen Überblick über das Schaffen des französischen Symbolisten. In seinen Anfängen, die von den widersprüchlichen Bewegungen der Romantik und des Naturalismus der Schule von Barbizon geprägt sind, entwickelt er, anders als die Impressionisten, eine vorwiegend schwarz-weiße Bildwelt, die ganz dem inneren Erleben entstammt. Gegen Ende des 19. Jahrhunderts wendet sich Redon dann extensiv der Farbe zu und lässt von seinen Figuren und Gegenständen eine geheimnisvoll-mystische Aura ausgehen. Die Auseinandersetzung mit den Naturwissenschaften, der Seelenkunde und der Literatur seiner Zeit sowie ein offenes Religionsverständnis bestimmen den Bildkosmos von Odilon Redon, dessen Werk bis heute eine ungebrochene Suggestionskraft entfaltet.

1840 in Bordeaux geboren, in ländlicher Einsamkeit fern seiner Familie in der Obhut einer Amme und seines Onkels aufgewachsen, von schwächlicher körperlicher Konstitution, aber vielseitig begabt, war Redons Leben zu dem eines Außenseiters prädestiniert. Seit den 1870er Jahren spielte es sich vorwiegend in Paris ab.

Unungewöhnlich gestaltete sich Redons künstlerische Ausbildung: Seine Versuche an der Pariser Akademie, der Beginn eines Architekturstudiums und einige Monate in der Klasse eines angesehenen Historienmalers scheiterten. Redon wählte lieber aus der Tradition für damalige Normen unübliche Vorbilder: Delacroix statt David und Ingres, Dürer, Rembrandt und Goya anstelle von Raffael, mehr als Michelangelo Leonardo da Vinci, der bis zu seinem Lebensende sein Idol blieb.

Die für seine Kunst entscheidenden Anstöße erhielt Redon in Bordeaux von den damals kaum bekannten und heute weltweit geschätzten Grafiker Rodolphe Bresdin (1822–1885) und dem Naturwissenschaftler Armand Clavaud (1828–1890). Als vielleicht noch entscheidender erwies sich die Freundschaft mit dem Botaniker, der als Spezialist für Algen tief in die damals aktuelle Diskussion um die Evolutionstheorie Darwins involviert war. Ihm und dem Blick in dessen Mikroskop verdankte Redon außer einem neuen Formenvokabular die Erfahrung des Widerspruchs zwischen zwei Welten: der authentischen, aber unsichtbaren Welt der Wissenschaft und der sichtbaren Wirklichkeit. Dieses Spannungsverhältnis wurde zu einem entscheidenden Ausgangspunkt von Redons Kunst. Clavaud verdankte Redon auch den Zugang zu Philosophie, Literatur und vor allem der zeitgenössischen Dichtung, besonders der von Charles Baudelaire. Dessen Leitwort „Imagination“ kann als Schlüssel zum Verständnis von Redons Werk gelten.

Redons frühe Werke, sowohl seine schwarzen Kohlezeichnungen als auch die lithografischen Folgen mit den Titeln „Dans le Rêve“ (Im Traum) 1879, „À Edgar Poe“ (Für Edgar Poe) 1881 und „Les Origines“ (Die Ursprünge) 1883, beweisen wie die folgenden, in wie hohem Maß Redon diese Erlebnisse erfahren, verarbeitet und veranschaulicht hat. Blätter wie „Der missgestaltete Polyp schwebte über den Ufern, eine Art von lächelndem, hässlichem Zyklopen“, aus „Die Ursprünge“ lassen den Betrachter in eine Welt von Phantasiewesen eintreten. Formen und Tatsachen des neuen Wissens um die Evolution werden hier mit Gestalten der klassischen Mythologie und Traumgespinsten vereint. Ein Rabe als Bote des Todes, eine grauenerregende Spinne, die in der Mitte des Körpers ein Menschenantlitz beherbergt, ein Auge, das wie ein seltsamer Ballon zum Himmel steigt, anstelle des Ballonkorbs ein Kopf, geflügelte Gesichter, eine Maske, welche die Totenglocke läutet, am Horizont der Engel der Gewissheit. Redons „Noirs“ machen den Betrachter zum Mitwisser, ohne ihre Geheimnisse endgültig preiszugeben. Dass in Abweichung von der Folge „Im Traum“ der Titel der Ausstellung „Wie im Traum“ lautet, betont, dass für Odilon Redon, der von seinen Zeitgenossen als „Prinz des Traums“ stilisiert wurde, die Imagination und das Träumen eine Einheit darstellten. Sich dessen bewusst ging er mit ihr im Sinn einer künstlerischen Strategie um.

Ab 1890 wendete sich Redon der Farbe zu und begann Elemente aus der Antike, dem Christentum, den östlichen Religionen und der Natur in leuchtenden Farben darzustellen. Venus, Apollo, Christus und Buddha, eine Muschel, ein Blumenstrauß oder eine geheimnisvolle Barke gewinnen eine evokative Qualität, sind von irritierender Präsenz, ohne materiell greifbar zu sein. Redons Farbe hat ihren Ausgangspunkt in der visuellen Wahrnehmung. Sie ist unmittelbar, nicht naturalistisch beschreibend, sondern emotional geprägt. Sein Kolorismus beruht jedoch primär auf einer Umsetzung des Schwarz in den Ton, in die Farbe. So ist bereits in den „Noirs“ eine Entwicklung zu erkennen, die von flächig abgestimmten Anfängen in nahezu opakem Schwarz mit zunehmender Differenzierung der Ton- und Raumwerte zu stärkerer Helligkeit führt. Es handelte sich also nicht um einen Weg vom Schwarz zur Farbe, sondern primär um eine Entwicklung von Dunkelheit zu Licht und von der Fläche zum Raum.

Der sorgfältig zusammengestellte Ausstellungskatalog geht auf fast alle Exponate ausführlich ein. Er erläutert die spezielle Thematik dieser Ausstellung und macht auch die Vielseitigkeit Redons gut verständlich deutlich.

Zur Ausstellung gibt es ein umfangreiches Begleitprogramm mit Führungen, Expertenführungen, Sprachkursen und Angebote für Kindergärten und Schulen (Grundschule bis Oberstufe). Für Kinder, Familien und Jugendliche gibt es ein spezielles Begleitprogramm.

Diese sehenswerte Ausstellung zeigt Odilon Redons große Bedeutung für die Moderne und die nicht nachlassende Aktualität seiner Werke.


Ausstellungsort:

Schirn Kunsthalle Frankfurt

Öffnungszeiten:

Vom 27. Januar 2007 – 29. April 2007
Dienstag, Freitag, Samstag, Sonntag 10.00 – 19.00 Uhr
Mittwoch und Donnerstag 11.00 – 22.00 Uhr

Eintrittspreise:

€ 8 ermäßigt € 6, Familienticket € 16

Weitere Infos und Begleitprogramm:

www.schirn.de

Katalog:

Wie im Traum. Odilon Redon
Hrsg: Margit Stuffmann/Max Hollein,
Hatje Cantz Verlag,
336 Seiten, 280 meist farbige Abb.,
ISBN 978-1-7757-1893-6, € 29,80


Stand: Januar 2007

© Gabriele Becker, Journalistin

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