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Aleksandra Mir Triumph – Ausstellung in der Schirn Kunsthalle Frankfurt

Die Ausstellung setzt fort, dass die Schirn Kunsthalle Frankfurt in Einzelpräsentationen aktuellen zeitgenössischen künstlerischen Positionen widmet.
Alexandra Mirs Projekt begann mit einer Suchanzeige, welche sie in einer sizilianischen Tageszeitung schaltete. Ihr Interesse galt dem Pokal, einem Objekt, dessen Geschichte weit in die kulturelle Vergangenheit der Menschheit zurückreicht. Obwohl Pokale heute profane Massenprodukte sind, erzählen sie durch ihre individuellen Gravuren auch persönliche Geschichten. In kurzer Zeit trafen über 2500 Pokale aus ganz Sizilien im Atelier der Künstlerin ein, die sie nun in einer eigens für die Schirn entwickelten Installation präsentiert.
Aleksandra Mir wurde 1967 in Lubin/Polen geboren, wuchs in Schweden auf, zog 1989 nach New York und lebt seit einigen Jahren in Palermo. Sie studierte zunächst Medien- und Kommunikationswissenschaften, danach Kunst und später Anthropologie. Dieser nomadische Weg findet sich in vielen Projekten der Künstlerin wieder, in denen diese sich Untersuchungen verschiedener kultureller und gesellschaftlicher Phänomene widmet.
Die Idee zu „Triumph“ entstand während eines Besuchs der Künstlerin bei einem Freund, der in seiner Jugend ein berühmter Sportler war. Ein Raum seines Hauses, sagt Mir, diente als „Schrein seiner ruhmreichen Vergangenheit“. Er war voller Urkunden, Plaketten, Fotos, Titelseiten von Zeitschriften und Pokale. Die Künstlerin war wie gebannt und beeindruckt von der Schönheit, die dieser Raum in all seinen Facetten heraufbeschwor: der lebhaften Kraft eines jungen Körpers in Bewegung, dem Echo klatschender Hände, der nostalgischen Schwermut, der Unabwendbarkeit des Ersatzes durch jüngere Talente und letztendlich dem Tod, der nur dieses Archiv hinterlassen würde. „Ich wollte“, sagt Mir, „all diese Gefühle einfangen und als der Gesellschaft immanente Eigenschaften verallgemeinern.“
Aleksandra Mirs Anzeige in der Tageszeitung Il Giornale di Sicilia, in der sie um die Zusendung von Sportpokalen bat, fand große Resonanz: Binnen weniger Wochen wurden über 2500 Trophäen an das Studio der Künstlerin in Palermo geschickt oder von ihr bei den Spendern abgeholt. Sie stehen für Erfolge in Sportarten wie Fußball, Bowling, Autorennen oder lateinamerikanischem Tanz. In der Sammlung befinden sich jedoch auch Auszeichnungen für das Arrangieren einer städtischen Weihnachtsbeleuchtung oder die Kanarienvogelzucht. Die Künstlerin leerte die Garage eines Mannes, der 35 Jahre lang Fußballtrainer gewesen war und ihr über 100 Pokale schenkte, die seine Mannschaften gewonnen hatten. Seine Frau war der Meinung, dass ein Schrein im Schlafzimmer ausreiche. Am rührendsten empfand Aleksandra Mir einen Mann, der, nachdem er sich entschlossen hatte, seine Kanarienvogelzucht aufzugeben, alle Vögel freiließ und danach kein Bedürfnis mehr verspürte, an den materiellen Überresten seines Steckenpferds festzuhalten. Ein ehemaliger Langstreckenläufer berichtete der Künstlerin, dass heute seine Kinder seine größte Errungenschaft seien und ihn sein einstiger Ruhm nicht mehr interessiere. In den Gesprächen mit den Besitzern der Trophäen stellte sich also heraus, dass sie der Künstlerin die Pokale vorrangig überlassen hatten, um sich von der mit ihnen verbundenen Vergangenheit zu lösen, um vollgestellte Räume zu leeren, um sich von der materiellen Last zu befreien oder um alte stagnierende Verbindungen abzustreifen. Dieser psychologische Aspekt des Loslassens ist es, der Aleksandra Mir – neben der scheinbar grenzenlosen Vielfalt der Objekte – besonders interessiert. „Im Großen und Ganzen ist es die billige Geschmacklosigkeit, die es den Menschen möglich macht, diese einst verehrten Objekte zu banalisieren – und früher oder später loszuwerden“, sagt Aleksandra Mir. Als die Menschen Mir ihre Pokale übergaben, fügten sie häufig ein Foto von dem Augenblick bei, in dem sie das einstmals begehrte Objekt erstmals in Händen hielten. Sie berichteten der Künstlerin von der Preisverleihung und den damit verbundenen Geschichten und Emotionen.
In der Schirn werden 2529 Pokale als Einzelobjekte und in Gruppen präsentiert. Die Installation ist zugleich Archiv der Populärkultur und Sammlung von Emotionen, Metaphern und Sinnbildern. Die glänzenden, den gesamten Raum füllenden Trophäen beschwören Momente des Glücks, des Sieges und des Jubels ebenso herauf wie der Vergänglichkeit. In ihren Installationen nimmt Aleksandra Mir immer auf die spezifische räumliche Situation des Ausstellungsorts Bezug. In der Schirn werden die Pokale teilweise auf Sockeln präsentiert. Die Beschriftungen der Sockel, die üblicherweise das auf ihnen präsentierte Kunstobjekt erläutern, wurden jedoch für vorangegangene Ausstellungen der Schirn angefertigt und stehen somit in keinem inhaltlichen Kontext zu den Pokalen.
Das Streben nach Ruhm und Ehre, symbolisiert durch entsprechende Auszeichnungen, ist seit der Antike bekannt, der Gebrauch von Pokalen für sportliche Erfolge ist jedoch eine viel modernere Erfindung. Der traditionsreichste Siegerpokal ist der „America’s Cup“ der Segler, der – noch als „100 Guinea Cup“ – erstmals 1851 von Queen Victoria verliehen wurde. Seit 1930 gehört der FIFA-Weltpokal zu den prominentesten Sporttrophäen. Damals wie heute spielen Sieg und Auszeichnung eine wichtige Rolle in der Welt des Sports. Heute werden Pokale in Massen produziert und können auch im Internet bestellt werden. Sie sind für jedermann erschwinglich und für Sportwettkämpfe und andere Wettbewerbe flexibel einsetzbar. Der Materialwert dieser Massenware ist eher nebensächlich, was zählt, ist die Symbolkraft der Trophäe und deren Verknüpfung mit Leistung und Sieg.
Ähnlich wie die Welt des Sports hat sich auch der Kunstbetrieb zu einem sehr populären, zugleich aber auch konkurrenzbetonten Feld entwickelt. Auszeichnungen wie der Turner Preis, der Preis der Nationalgalerie für junge Kunst und weltweit mehr als 50 Biennalen sind Ausdruck eines inszenierten Wettkampfs. „Die Ähnlichkeit von Sport und Kunst auf der Ebene ihrer jeweiligen gesellschaftlichen Inszenierung ist offensichtlich“, stellt Mir fest. „Künstler werden genauso von ihren inneren Dämonen angetrieben“, befindet die Künstlerin, „wie von Machtverhältnissen ihren gegenwärtigen und früheren Kollegen gegenüber. Die Biennale hat die Olympiade zum Vorbild – die Preisverleihungen sprechen für sich selbst.“

Für Kinder ab 12 Jahren gibt es ein interessantes Begleitheft.

Der Katalog „The Making of Art“ bietet mit Fotos und Essays einen guten Überblick.


Ausstellungsort: Schirn Kunsthalle Frankfurt

Öffnungszeiten: Vom 14. Mai 2009 bis 26. Juli 2009
Dienstag, Freitag, Samstag, Sonntag 10.00 – 19.00 Uhr
Mittwoch und Donnerstag 10.00 – 22.00 Uhr

Weitere Infos und Begleitprogramm: www.schirn.de

Katalog: Aleksandra Mir Triumph
Hrsg: Matthias Ulrich und Max Hollein
Verlag der Buchhandlung Walther König
Deutsch-englisch, 64 Seiten, Farb-Abb.
ISBN 978-3-86560-576-4


Stand: Juni 2009

© Gabriele Becker, Journalistin

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