Flämische Gemälde von 1550 – 1800 im Städel Museum Frankfurt
Der Bestand der flämischen Gemälde im Städel Museum umfasst knapp 100 Beispiele insbesondere der Landschafts-, Genre-, Stillleben- und Porträtmalerei.
Das Frankfurter Bürgertum, das mit seinen Sammlungen den Bilderbestand im Städel Museum über die Jahrhunderte zu vermehren half, bevorzugte kleinformatige, profane Bilder – in Einzelfällen höchstens kleinformatige Ölskizzen für religiöse Aufträge. Großformatige religiöse Darstellungen gegenreformatorischer Prägung von Peter Paul Rubens und seiner Schule – welche man eigentlich mit der flämischen Malerei der katholisch verbliebenen südlichen Provinzen der Niederlande assoziiert – konnten hingegen erst in jüngerer Zeit hinzuerworben werden. Berühmt ist zum Beispiel die erste farbig ausformulierte Ölskizze von Rubens für das Antwerpener Altarbild „Madonna mit der Verlobung der hl. Katharina“. Von herausragender Bedeutung sind ferner die vier Werke von Adriaen Brouwer, vor allem die beiden Operationsszenen und der virtuose „Bittere Trank“ aus dem Spätwerk dieses Künstlers.
In der kunsthistorischen Forschungsliteratur ebenso vielfach besprochen markieren darüber hinaus vier Landschaften von Lucas van Valckenborch einen besonderen Höhepunkt der Frankfurter Sammlung. Der flämische Gemäldebestand im Städel Museum wird ferner durch Beispiele bereichert, die uns Auskunft zur besonderen Arbeitsweise der Künstler geben. So beleuchtet der Studienkopf von Peter Paul Rubens, der durch Jan Boeckhorst zu einem die Harfe spielenden König David umgestaltet wurde, die Verwendung von „tronies“ in der Rubens-Werkstatt und ihr „Recycling“ nach dem Tod des Malerfürsten. Mittels der Infrarot-Reflektographie ließ sich zudem für die „Flachlandschaft mit Wiesen und Baumgruppen“ von Lucas van Uden nachweisen, wie der Maler bei der Herstellung seiner pasticciohaften rubinesken Landschaften vorging.
Der umfangreiche zwei-bändige Bestandskatalog „Flämische Gemälde im Städel Museum 1550-1800“ ist ein weiterer Bestandskatalog zur Städelschen Sammlung und nun erschienen.
Im Rahmen der wissenschaftlichen Arbeit des Museums hat Agnes Tieze die flämischen Gemälde zwischen 1550 und 1800 im Städel systematisch wissenschaftlich aufgearbeitet.
Auf Grundlage einer detaillierten gemäldetechnologischen und maltechnischen Untersuchung wurde dabei jedes Werk mit Blick auf seine spezifischen künstlerischen und historischen Entstehungsbedingungen diskutiert. Die Ergebnisse dieser dreijährigen Untersuchung sind nun in Form einer umfassenden zweibändigen Publikation zusammengefasst.
Der von Max Hollein und Jochen Sander herausgegebene Bestandskatalog „Flämische Gemälde im Städel Museum 1550-1800“ wurde ebenso wie die wissenschaftliche Arbeit durch den Städelschen Museums-Verein finanziert. Bisher liegen im Städel unter anderem Bestandskataloge zu den Deutschen Gemälden 1300-1500, zu den Italienischen Gemälden 1300-1550 sowie zwei der insgesamt drei Bände zu den Holländischen Gemälden 1550-1800 vor. Die vom Städel erarbeiten Bestandskataloge gelten international als vorbildhafte wissenschaftliche Publikationen zur Aufarbeitung von Sammlungsbeständen.
Der gut verständliche Flamen-Katalog folgt dem Schema der bereits vorliegenden Bestandskataloge. Dabei wird jedes Werk gemäldetechnologisch und maltechnisch untersucht. Mittels abgebildeter Mikroskop-, Infrarot- und Röntgenaufnahmen gewinnt der Leser Einblick in den Werkprozess der Gemälde – Grundlage für die Bearbeitung der aktuellen Forschungslage – und insgesamt in den flämischen Bilderbestand im Städel Museum.
Bei den Untersuchungen wurde Agnes Tieze von der Gemälderestauratorin Christiane Haeseler unterstützt. Im Rahmen dieses aufwändigen Prozesses konnten einige Werke der Städel-Sammlung neu zugeschrieben werden. Die Publikation erörtert so unter anderem, dass das Vanitas-Stillleben, das vormals als Werk eines Niederländischen Meisters um 1660 galt, nun Peter Willebeeck zugeschrieben werden kann und dass „Dido und Aeneas“ – vormals als Werk von Rubens (und Werkstatt) gedeutet – mittlerweile Jan van den Hoecke zugeschrieben werden kann.
Die Autorin Dr. Agnes Tieze ist seit Oktober 2007 Direktorin des Museums für Kunst- und Kulturgeschichte der Philipps-Universität Marburg. Zuvor hat sie als wissenschaftliche Mitarbeiterin am Städel Museum gearbeitet und im Rahmen ihrer Tätigkeit den Bestandskatalog „Flämische Gemälde im Städel Museum 1550-1800“ erarbeitet und die Ausstellung „Fokus auf Peter Paul Rubens und Jan Boeckhorst: König David spielt die Harfe“ vorbereitet. Agnes Tieze hat Kunstgeschichte, Klassische Archäologie und Kunsterziehung in Augsburg und Bonn studiert, 2002 über den flämischen Barockmaler Anton Goubau promoviert und ein wissenschaftliches Volontariat bei den Staatlichen Museen Kassel (museumslandschaft hessen kassel) absolviert.
Die flämischen Gemälde der Zeit von 1550 bis 1800 sind sehenswert. Auf sie wird im großformatigen Bestandskatalog „Flämische Gemälde im Städel Museum 1550-1800“ in einmaliger Form wissenschaftlich und gut verständlich eingegangen. Der Katalog eignet sich auch hervorragend als Nachschlagewerk.
Ausstellungsort: Städel Museum Frankfurt, Anbau EG
Schaumainkai 63, 60596 Frankfurt
Öffnungszeiten: 21. November 2008 bis 22. Februar 2009
Dienstag, Freitag bis Sonntag 10.00 – 18.00 Uhr
Mittwoch und Donnerstag 10.00 – 21.00 Uhr
Weitere Infos + Begleitprogramm: www.staedelmuseum.de
Bestandskatalog: Flämische Gemälde im Städel Museum 1550 – 1800
Von: Agnes Tietze
Hrsg.: Max Hollein und Jochen Sander, unter Mitarbeit von
Christiane Haeseler bei den gemäldetechnologischen
Untersuchungen
Michael Imhof Verlag und Städel Museum
2 Bände, 768 Seiten, zahlr. Farb.Abb.,
Mikroskopaufnahmen, Infrarotreflektografien,
ISBN 978-3-86568-195-9, 99,90 Euro.
September 2009 © Gabriele Becker, Journalistin Weitere Artikel zum Thema:
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