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Elfenbein Barocke Pracht am Wiener Hof - im Liebieghaus Frankfurt

Elfenbein gehört schon seit der Antike zu den beliebtesten Materialien der Kunst.

Diese Ausstellung befasst sich mit der Blütezeit der Elfenbeinkunst und präsentiert in Zusammenarbeit mit dem Kunsthistorischen Museum in Wien rund 36 großartige, virtuose Schnitzereien. Das hohe Können der Künstler wird eindrucksvoll sichtbar anhand meisterlich gearbeitete Statuetten, Kannen, Pokale, Humpen und Schalen aus Elfenbein, so genannte Kunstkammerstücke ohne jeglichen Gebrauchswert.

Seine Kostbarkeit durch Herkunft aus fernen, unbekannten Ländern und die Seltenheit machten besonders im Barock die Nachfrage nach Elfenbein außerordentlich groß. So erlebte die Elfenbeinkunst ihre höchste Blüte im Wien des 17. Jahrhunderts zur Zeit von Fürst Karl Eusebius von Liechtenstein und Kaiser Leopold I.

Die schimmernde Erscheinung des polierten Werkstoffs diente fürstlich-imperialen Repräsentationsansprüchen, da sein Besitz doch auch ein Ausweis von Macht und Reichtum war.


Die ausgestellten Werke stammen von den berühmtesten Elfenbeinschnitzern des Barock wie Adam Lenckhardt, Johann Caspar Schenck und Matthias Steinl.

Die Ausstellung entstand in Zusammenarbeit mit dem Kunsthistorischen
Museum in Wien, dessen weltberühmte Kunstkammer derzeit aufgrund einer Generalsanierung geschlossen ist. Für das Liebieghaus bietet sich dadurch die einmalige Chance, eine solch hochwertige Auswahl an Meisterwerken aus der Kunstkammer des Kunsthistorischen Museums in Frankfurt präsentieren zu können, bevor sie Ende 2012 nach der Neueröffnung der Kunstkammer wieder dauerhaft in Wien zu sehen sein werden. Acht weitere hochkarätige Leihgaben der Ausstellung stammen aus der Sammlung Reiner Winkler.

In der Renaissance und im Manierismus war Bronze ein überaus beliebtes Material für Kleinplastik. Ihr aber lief im 17. Jahrhundert Elfenbein den Rang ab. Geschätzt wurde am Elfenbein die Elastizität des Materials bei gleichzeitiger Härte sowie die schimmernde Transparenz und feine Äderung, die an Fleischton erinnern.

Hervorgegangen aus Elfenbeindrechseleien des 16. Jahrhunderts, aus frühen Werken wie denen des Furienmeisters, entwickelte sich im 17. Jahrhundert die hohe Zeit der Produktion von Elfenbeinkunstwerken. Seit der Jahrhundertmitte wurden neben den großen Bürgerstädten vor allem die weltlichen und geistlichen Residenzen Zentren der Elfenbeinproduktion, die erst im frühen 18. Jahrhundert an ihr Ende gelangte. Besonders in München und Augsburg, aber auch in Schwäbisch Hall, Ulm, Mecheln, Amsterdam, Dresden oder auch Düsseldorf arbeiteten Elfenbeinschnitzer.

Ihre höchste Blüte erlebte die Elfenbeinkunst in Wien zur Zeit des Fürsten Karl Eusebius von Liechtenstein (reg. 1627–1684) und kurz darauf gefördert durch Kaiser Leopold I. (reg. 1658–1705). Beide drechselten – der Kaiser ist in der Ausstellung durch einen selbstgedrechselten Deckelhumpen vertreten –, besaßen mehrere Drechselbänke und hatten Hofdrechsler angestellt. Ihre besondere Begeisterung für das Material drückt sich ferner darin aus, dass sie die Elfenbeinschnitzer Adam Lenckhardt (1610–1661), Johann Caspar Schenck (um 1620–1674) und Matthias Steinl (1643/44–1727) fest an ihre Höfe banden. Diese hohe Bedeutung des Elfenbeins zog weitere Künstler nach Wien. Zahlreiche Schnitzer ließen sich nieder oder lebten hier für Jahre oder Monate. Die kaiserliche Residenz entwickelte sich zum bedeutendsten Zentrum der barocken Elfenbeinkunst. Es entstand ein überaus fruchtbares Klima der gegenseitigen Beeinflussungen und Kooperationen.

Diese Blüte mag im Nachhinein durchaus überraschen, war das Land doch immer wieder durch Krieg und Pestepidemien gezeichnet. Dennoch wurde trotz leerer Staatskassen weder von Fürsten noch vom Kaiser ernsthaft am Hofstaat gespart: Zur fürstlichen Repräsentation, zur Betonung des vorgetragenen Machtanspruchs, aber auch zur Demonstration der Kreditwürdigkeit gehörte unter anderem der Besitz äußerst kostspieliger Elfenbeinwerke. Zum Gebrauch waren diese Kunstwerke nicht gedacht.

Den brillanten Beginn der Blüte der Elfenbeinplastik in Wien markierte Adam Lenckhardt, von dem ausschließlich Elfenbeinwerke bekannt sind. Im Jahr 1642 wurde er vom Fürsten Karl Eusebius von Liechtenstein als erster Elfenbeinschnitzer zum Kammerbildhauer ernannt. Gleichzeitig mit ihm arbeitete der sogenannte Meister der Sebastiansmartyrien in Wien. In seinen Reliefs, vor allem dem grandiosen, namengebenden Relief mit der Marter des Heiligen, zeigt er realistische Gestalten mit kräftigen, untersetzten Proportionen. Er schuf Prototypen, die auf seine Nachfolger prägenden Einfluss hatten. Dem Meister folgte Johann Caspar Schenck, der am kaiserlichen Hof der erste „Kammerbeinstecher“ werden
sollte. Im Auftrag des Kaisers schuf er einen berühmten Deckelhumpen, der die Begegnung des Weingottes Dionysos und des Königs Pentheus wiedergibt. Triebhafte Nacktheit im Gefolge des Dionysos und elegante Körper auf königlicher Seite kontrastieren; lineare Schärfe der Formen und Überschneidungen machen den charakteristischen Stil des aus Konstanz stammenden Schnitzers aus. Bereits vor Schenck war Balthasar Grießmann (um 1620–1706) in Wien eingetroffen, der vor allem für seine Gefäße und Schalen bekannt ist und hierin große Meisterschaft und Einfallsreichtum entwickelte. 1688, zwei Jahre nach dem Tod von Matthias Rauchmiller (1645–1686), einem der vielseitigsten und am Wiener Hof hoch geschätzten Künstler, erreichte Matthias Steinl die kaiserliche Residenz. Gebürtig aus Salzburg, arbeitete er in Schlesien, wohin auch Rauchmiller enge Kontakte gehabt hatte. Um 1688 wurde Steinl als kaiserlicher „Kammerbeinstecher“ angestellt. Von ihm sind nur neun Elfenbeinstatuetten bekannt, die jedoch Höhepunkte der barocken Kunst darstellen. Dazu gehören die kleinfigurige Gestalt des „Chronos auf der Weltkugel“, die „Allegorie der Elemente Wasser und Luft“ sowie die berühmten (allerdings nicht ausleihbaren) Reiterstandbilder Leopolds I., Josephs I. und Karls VI. Besonders Rauchmiller und Steinl übten maßgeblichen Einfluss auf bedeutende Künstler wie Ignaz Bendl (um 1650–um 1730), Ignaz Elhafen (1658–1715) und Jacob Auer (1645–1706) aus, von denen bedeutende Werke in der Ausstellung zu sehen sind.

Die Ausstellung stellt die Frage, warum es gerade Elfenbein war, das sich als Material für Kleinplastik in der Zeit des Barock, insbesondere in Wien, durchsetzte. Sie bietet zudem Gelegenheit, Werke, die noch nie nebeneinander zu sehen waren, in direkten Kontrast zueinander zu stellen und Entwicklungslinien innerhalb der Elfenbeinkunst zu verfolgen.

 

Für Kinder ab 12 Jahren gibt es ein interessantes Begleitheft.

Der Katalog „Elfenbein Barocke Pracht am Wiener Hof“ befasst sich umfangreich mit dem Thema der Ausstellung. In vielen Essays wird den Facetten nachgegangen.

Hervorragende Fotos zeigen die Wiener Elfenbeinkunst anhand der Prunkschalen, Prunkkannen, Deckelbecher, Pokale, Inkunabel, Reliefs und Skulpturengruppen. Alle Details sind bestens abgebildet.

Der Katalog eignet sich auch hervorragend als Nachschlagewerk.

Diese sehenswerte und einzigartige Ausstellung zeigt hochkarätige Exponate.

Ausstellungsort: Liebieghaus Skulpturen Sammlung Frankfurt
Schaumainkai 71, 60596 Frankfurt

Öffnungszeiten: 3. Februar 2011 bis 26. Juni 2011
Dienstag, Freitag bis Sonntag 10.00 – 18.00 Uhr
Mittwoch und Donnerstag 10.00 – 21.00 Uhr

Weitere Infos: www.liebieghaus.de

Katalog: Elfenbein Barocke Pracht am Wiener Hof
Hrsg.: Maraike Bückling und Sabine Haag
Imhof Verlag
256 Seiten, 262 Abb., Klappen-Broschur,
ISBN 978-3-86568-639-8, € 34,90 (Museumsausgabe)

Stand: Februar 2011

© Gabriele Becker, Journalistin

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