Jugendnetz Magazin
Startseite Das Kommunikations- und Informationsnetz von Jugendlichen für Jugendliche

JuMag

Startseite / JuMag / JuMag / Ausstellungen / bunte_goetter_liebighs_08

* Veranstaltungen

* Ausstellungen

* Tipps zum Muttertag am 13. Mai 2012

* Handarbeits-Aktion für bedürftige Berliner Kinder

* Nano-Aquaristik: pflegeleichte Unterwasserwelt im Mini-Format

* Stricken ist in! JuMag zeigt wie es geht!

* Schreibtischarbeit – gut organisiert!

* Tipps für die Super-Party zu Hause

* Backen

* Neue Produkte für Deinen PC

* JuMag stellt neue Produkte vor

* Basteltechniken

* Trendsport: Fitness-Boxen

* JuMag stellt Gesellschaftsspiele vor

* Hier kommt die Maus .... mit interessanten Produkten

* Jonglieren - kinderleicht?

* Das Spiel mit Handpuppen

* Wunderschöne Kalender und Notizbücher für 2012

* Raum- und Tischdekorationen für Advent und Weihnachten 2011

* Bücherrubrik

[Archiv]

Bunte Götter – Die Farbigkeit antiker Skulpturen im Liebieghaus Frankfurt

Seit 25 Jahren werden von einem internationalen Forscherteam unter der Leitung von Vinzenz Brinkmann, dem Leiter der Antikensammlung des Liebieghauses, Untersuchungen zur Farbigkeit antiker Skulpturen durchgeführt, die eine Vielzahl von neuen Erkenntnissen erbracht haben.

Die aus diesen Forschungsarbeiten hervorgegangene sehenswerte Ausstellung „Bunte Götter“, die in Europa und den USA mit Stationen u. a. im J. Paul Getty Museum in Los Angeles und im Arthur M. Sackler Museum der Harvard Universität in Cambridge mit großem Erfolg gezeigt wurde, ist nun in einer wesentlich erweiterten Form im Frankfurter Liebieghaus zu sehen.

Die antike Marmorskulptur war nicht weiß, sondern bunt. Davon berichten antike Schriftquellen in überwältigender Fülle. Die unumstößliche Tatsache einer farbigen antiken Skulptur ist in der italienischen Renaissance verdrängt und im 19. Jahrhundert wieder aufgegriffen worden, ehe sie im 20. Jahrhundert zugunsten einer auf Klarheit ausgerichteten Ästhetik erneut in den Hintergrund geriet.

Bis heute haben sich an antiken Skulpturen zahlreiche Spuren des ursprünglichen Farbenkleides erhalten. Sie beweisen, dass die griechischen und römischen Statuen Gewänder trugen, die mit aufwändigen Ornamenten und kostbaren Farben verziert waren.

Die Ausstellung verbindet ca. 70 Originale, darunter farbige Terrakotten, Marmorskulpturen und Mumienporträts, mit über 30 spektakulären Rekonstruktionen, anhand deren die „bunte Antike“ erneut auflebt. Höhepunkt der Ausstellung im Liebieghaus ist die eigens für die Frankfurter Präsentation angefertigte und nun erstmals gezeigte Rekonstruktion des sogenannten „Perserreiters“ der Athener Akropolis, dessen Farbigkeit besonders gut erhalten ist.

Eigentlich konnte man es immer schon nachlesen: Die großen Schriftsteller der griechischen und römischen Antike berichten in aller Klarheit und Selbstverständlichkeit von den farbigen Figuren. Der Tragödiendichter Euripides (ca. 480–406 v. Chr.) wählt die farblose Marmorskulptur als Bild außerordentlicher Hässlichkeit. Als durch die Schönheit einer Frau der Trojanische Krieg ausgelöst wird, sagt Helena zu sich: Wäre ich doch immer so hässlich gewesen wie eine Statue, der man die Farbe abgewischt hat, wäre nicht dieses Leid über die Menschen gebracht worden. Dass die Tatsache der „bunten Antike“ in der Geschichte der Archäologie und Kunstgeschichte jedoch stark umstritten war, davon zeugen ebenfalls zahlreiche Quellen. „So wird auch ein schöner Körper desto schöner sein, je weißer er ist“, schrieb der berühmte deutsche Archäologe und Kunsthistoriker Johann Joachim Winckelmann (1717–1768) in seiner 1764 erschienenen „Geschichte der Kunst des Alterthums“ und erhob damit das reine Weiß zum Schönheitsideal der Antike.

Winckelmanns Ansichten beeinflussten die Kunst des 19. Jahrhunderts und prägen unsere Vorstellung griechischer und römischer Kunst bis heute. Dabei konnten bereits zu Anfang des 19. Jahrhunderts Forscher bei archäologischen Ausgrabungen in Athen und Rom eindeutige Farbreste an zahlreichen Marmorfiguren entdecken. Johann Martin von Wagner (1777–1858), Maler, Bildhauer und Kunstagent des bayerischen Kronprinzen und späteren Königs Ludwig I., reiste in dessen Auftrag 1812 nach Griechenland, um dort die kurz zuvor aufgefundenen Giebelskulpturen des Aphaia-Tempels von Ägina zu erwerben. 1815/16 verfasste er eine Beschreibung der farbigen Skulpturen. Allerdings zeigte er sich ganz im Sinn Winckelmanns eher schockiert und wunderte sich über den „scheinbar bizarren Geschmack“, den er als „barbarische Sitte und ein Überbleibsel aus früheren, rohen Zeiten“ beurteilte.

Aber nicht nur schriftliche Dokumente zeugen von der Farbigkeit antiker Skulpturen. Mit großer Genauigkeit wurden die Spuren der einstigen Bemalung auch in Zeichnungen und Aquarellen festgehalten. Ein großer Verdienst kommt hier der in Griechenland ansässigen Schweizer Künstlerfamilie Gilliéron zu, die seit ca. 1870 Zeichnungen antiker Skulpturen anfertigte. Das Liebieghaus besitzt glücklicherweise eine Reihe von Aquarellen von Emile Gilliéron, die nun im Rahmen der Ausstellung gezeigt werden. Überzeugte Anhänger antiker Polychromie fanden sich auch unter den Architekten: Gottfried Semper (1803–1879), der bei einer Reise durch Italien und Griechenland von 1830 bis 1833 selbst Untersuchungen an farbigen Bauten und Skulpturen vorgenommen hatte, wurde zu einem der bedeutendsten Verfechter der Polychromie und ließ z. B. die Antikensäle im Japanischen Palais in Dresden farbig bemalen. Auch Leo von Klenze (1784–1864) gestaltete unter anderem im Auftrag seines Bauherrn, König Ludwigs I., die Innenräume der Glyptothek in München prachtvoll bunt und bezeichnete sich selbst als „Euer Majestät polychromatischer Sekretär“.

Bis zum Ausbruch des II. Weltkriegs wurde die Diskussion über die Farbigkeit der Antike teilweise heftig fortgeführt, wobei sich im 20. Jahrhundert zunehmend die Schönheit der reinen und reduzierten Form durchsetzte. Erst in den 1960er-Jahren begannen Wissenschaftler wieder die Farbigkeit mit neuen technischen Methoden zu erforschen.

Seit über 25 Jahren untersucht und dokumentiert ein internationales Forscherteam um Prof. Vinzenz Brinkmann mit naturwissenschaftlicher Techniken die Farbigkeit antiker Skulptur. Wurden vor knapp 200 Jahren die Farbspuren noch mithilfe von Probenentnahmen analysiert, können heute die meisten Analysen durch digitale Verfahren erstellt werden. Mit der Raman-Spektroskopie und der UV-Vis-Absorptionsspektroskopie werden in kurzer Zeit zahlreiche Pigmentreste bestimmt, ohne das Original zu berühren. Die neuen Forschungen haben zudem in großem Umfang von den Möglichkeiten der technischen Fotografie profitiert, vor allem von der UV-Fluoreszenzfotografie und der UV-Reflektografie, mit der selbst an Stellen, an denen sich keine Pigmente erhalten haben, die einst aufgemalten Ornamente aufgrund chemischer und mechanischer Veränderungen der Steinoberfläche wieder sichtbar gemacht werden können.

Die Ausstellung im Liebieghaus macht nun anhand von über 30 detailreichen farbigen Rekonstruktionen und 70 ausgewählten Originalexponaten aus internationalen Sammlungen sowie aus dem Bestand des Liebieghauses die Ergebnisse der wissenschaftlichen Polychromieforschung für den Betrachter sichtbar und belegt in beeindruckender Weise die Bedeutung der Farbe für die antike Skulptur.

Die frühgriechische Kunst der so genannten archaischen Zeit baut ganz wesentlich auf den Errungenschaften der ägyptischen Kultur auf. Zur Verdeutlichung dieser Parallelen wird als Auftakt der Ausstellung eine Auswahl farbiger Skulpturen und Reliefs der Ägypter aus dem reichen Bestand der Sammlung des Liebieghauses präsentiert.
Einen Schwerpunkt der Ausstellung bildet die frühe griechische Marmorplastik, die sich durch eine außergewöhnlich reiche und schöne Ornamentik auszeichnet. Durch prächtig verzierte bunte Gewänder, Waffen und Geräte wurde die ästhetische und narrative Aussagekraft der Objekte gesteigert.

Eines der bekanntesten Beispiele ist die Figur eines Bogenschützen, des trojanischen Prinzen „Paris“, vom Westgiebel des Aphaia-Tempels auf der griechischen Insel Ägina. Die reich bemalte Figur ist in der Ausstellung gemeinsam mit der griechischen Göttin Athena und dem griechischen Bogenschützen Teukros zu sehen.

Nicht weniger beeindruckend ist die Figur des „Perserreiters“ der Athener Akropolis, die im Tempietto des Liebieghauses inszeniert wird. Die frühgriechische Skulptur wurde in einem aufwändigen 3-D-Verfahren gescannt. Aus den Daten wurde eine originalgroße Kopie in einem marmorähnlichen Werkstoff (PMMA, kristallines Acrylglas) angefertigt. Die Auswertung der Farbmessung mithilfe der UV-Vis-Absorptionsspektroskopie hat ein sehr differenziertes Bild der verwendeten Pigmente ergeben. Für das stark ornamentierte Gewand der Reiterfigur fanden wertvolle und leuchtende Farben Verwendung, während Mähne, Fell, Schwanz und Hufe mit weniger farbkräftigen Erdpigmenten bemalt waren. Aus ungefähr derselben Zeit wie der „Perserreiter“ stammt das berühmteste Mädchenbildnis der frühgriechischen Kunst, die um 530/20 v. Chr. entstandene so genannte Peploskore. Spuren von roter, blauer, gelber und grüner Farbe haben sich an Haar, Augen, Gürtel und Gewand des im Jahr 1880 entdeckten Originals erhalten. Unter starkem Streiflicht kamen in jüngster Zeit uner
wartet weitere Bemalungen zum Vorschein. Die Statue trug ursprünglich ein zusätzliches, reich mit Tieren besticktes Kultgewand – ein Beleg dafür, dass sie keine einfache junge Frau, sondern eine Göttin, wahrscheinlich Athene oder Artemis, darstellt. Durch die Farbuntersuchungen wurde somit eine neue, spektakuläre Deutung möglich. Weitere Werke wie der kostbare „Alexander-Sarkophag“ aus der griechischen Klassik oder das eindrucksvolle Porträt des römischen Kaisers Caligula aus der römischen Antike, das in der Ausstellung im Original und als Rekonstruktion zu sehen ist, lieferten den Wissenschaftlern bei der Untersuchung der Farbreste zahlreiche neue Erkenntnisse zur Polychromie und führen den Besucher in die faszinierende Welt der bunten Götter.

Für Kinder ab 12 Jahren gibt es ein interessantes Begleitheft.

Der Katalog „Bunte Götter. Die Farbigkeit antiker Skulptur“ erklärt gut verständlich wie wichtig Farben in der Antike waren und wie sie seinerzeit hergestellt und verarbeitet wurden. Er erläutert mit welchen Mitteln Forscher heute dieser Farbigkeit nachgehen können und was der Stand der aktuellen Forschung ist.
Der Katalog befasst sich mit dem Thema der Ausstellung mit vielen Essays. Er eignet sich auch hervorragend als Nachschlagewerk.

Die sehenswerte und einzigartige Ausstellung zeigt Originale mit erkennbaren Pigmentresten und spektakuläre Rekonstruktionen der farbigen Skulpturen und
erläutert aktuelle Forschungsergebnisse.

Ausstellungsort: Liebieghaus Skulpturen Sammlung Frankfurt
Schaumainkai 71, 60596 Frankfurt

Sonderöffnungszeiten
Zur Ausstellung:
8. Oktober 2008 bis 15. Februar 2009
Dienstag, Freitag bis Sonntag 10.00 – 18.00 Uhr
Mittwoch und Donnerstag 10.00 – 21.00 Uhr

Weitere Infos: www.liebieghaus.de

Katalog: Bunte Götter. Die Farbigkeit antiker Skulptur
Hrsg.: Vinzens Brinkmann
Verlag: Mediahaus Biering
253 Seiten, 350 Farb-Abb., Broschur, deutsche Ausgabe
ISBN 978-3-9809701-6-7, € 34,90


Oktober 2008

© Gabriele Becker, Journalistin

Weitere Artikel zum Thema:


© 2012, Admin JuNetz FFM